Typnachdenklich4MarcMularFotolia_11577304_MComing Out

Bin ich schwul?

Irgendwann in Deinem Leben hast Du Dir sicher schon die Frage gestellt: „Bin ich schwul?“ Und die Antwort darauf fiel Dir nicht leicht. Ist man denn schon schwul, wenn man gerne mal anderen Jungs oder Männern hinterher guckt, sie attraktiver findet als Mädchen oder Frauen? Oder wenn man für den besten Kumpel mehr empfindet als bloße Freundschaft, wenn man ihn richtig mag und ihm gern nahe ist? Oder denkst Du bei der Selbstbefriedigung an einen anderen Jungen oder Mann? Oder ist man erst schwul, wenn man ab und an gerne Sex mit einem anderen Jungen oder Mann hätte? Oder wenn man das sogar schon gehabt hat?

Nun, das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wenn aber die in den obigen Fragen geschilderten Situationen auf Dich zutreffen, dann ist die Wahrscheinlichkeit zumindest sehr hoch, dass Du tatsächlich schwul bist.

Letztlich genau beantworten kannst aber nur Du selbst Dir diese Frage. Nur weil jemand aus Neugier in den jungen Jahren mal mit dem eigenen Geschlecht Sex hatte, kann man noch nicht sicher sagen, ob derjenige tatsächlich schwul ist oder nicht. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche. Nur Du kennst Dich und Deine geheimsten Gefühle und Sehnsüchte am besten. Gib Dir Zeit! Eine sichere Erkenntnis vor einem selbst muss erst reifen. Beobachte Dich und schau in Dich. Was fühlst Du? Zu wem fühlst Du Dich in der Regel emotional und auch sexuell stärker hin gezogen? Zum eigenen oder zum anderen Geschlecht? „In dem Film neulich war der Schwule aber so komisch überdreht und schrill. Das bin ich doch eigentlich gar nicht!“ Lass Dich nicht von den Medien irritieren. Die arbeiten meist mit Klischees. Wenn zum Beispiel der Schwule in einem Film nicht etwas komisch oder überdreht dargestellt werden würde, dann würden ihn die Zuschauer ja gar nicht als solchen erkennen. Schwule sind genauso viel oder wenig normal wie Heteros.

Inneres Coming Out

Typnachdenklich3MarcMularFotolia_11577352_MOftmals ist die Situation für einen aber sehr verwirrend, denn schließlich hatte man vielleicht sogar schon mal eine Freundin, und jetzt das, diese befremdlichen Gedanken! Ob andere das bemerken? Du fragst Dich, ob das vielleicht nur so eine Phase ist, die wieder vergeht. Die Wissenschaft geht heute allerdings davon aus, dass es solche Phasen nicht gibt sondern dass die sexuelle Orientierung von Anfang an festgelegt ist. Es ist sinnlos und gefährlich, gegen seine sexuelle Orientierung anzukämpfen und sie zu unterdrücken. Am Ende wirst Du dabei der sichere Verlierer sein! Hetero- oder Homosexualität lässt sich auch nicht durch Erziehung beeinflussen, ein immer noch verbreiteter Irrglaube. Man muss also nur noch herausfinden, was das Richtige für einen ist, wobei man sich wohler fühlt und mehr Spaß hat: mit dem eigenen oder dem anderen Geschlecht.

Dies ist in unserer heutigen Welt, in der die ganze Gesellschaft auf heterosexuell getrimmt ist und in Schule, Fernsehen und Kino auch fast ausschließlich so dargestellt wird, gar nicht so einfach. Von selbst auf die Idee kommen, dass man heterosexuell ist, muss man nicht! Heterosexualität wird von einem erwartet. Die Kumpels erwarten das, die Eltern, die sich irgendwann mal Enkelkinder wünschen, und im Verein oder am Arbeitsplatz ist es auch nicht anders. Schwule gibt es vielleicht noch in schrägen Filmen und wenn Künstler schwul sind, dann gilt das ja fast schon als normal. Aber du? Von Dir erwartet das zunächst einmal niemand. Nicht einmal Du selbst.

Diese und ähnliche Gedanken plagen einen, wenn man vor seinem Coming Out steht. Wann das im Laufe des Lebens statt findet, ist unterschiedlich. Es kann schon mit 13 oder 15 passieren oder erst als Twen oder sogar noch viel später, mit 30 oder 40.

Wenn Du Dir dann ziemlich sicher bist und Du weißt, dass Du auf Jungs oder Männer stehst, sie lieben möchtest oder gerne Sex mit ihnen hättest und Dir selbst sagen kannst: „Ich bin schwul!“, dann hast Du Dein inneres Coming Out, das Coming Out vor Dir selbst. Coming Out bedeutet, mit etwas herauszukommen, etwas, was also schon immer da war, aber im Verborgenen lag. Ein erster Schritt ist nun geschafft, doch ist das Coming Out damit noch nicht beendet.

Äußeres Coming Out

Typnachdenklich2MarcMularFotolia_11577368_MEs gibt auch noch das Coming Out nach außen hin. Schließlich lebt es sich, wie Du dann bald feststellst, nicht unbedingt einfach, wenn man zwar weiß, dass man selbst schwul ist, sich aber vor Freunden und Bekannten damit verstecken muss, weil man sonst deren durch die heterosexuelle Gesellschaft geprägten Erwartungen nicht entspricht. Und außerdem stellen sich viele Schwule nach ihrem inneren Coming Out die Frage: „Bin ich eigentlich der Einzige, der so fühlt?“. Du kennst niemanden, der so ist wie Du. Nun ist es an der Zeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, ihr mitzuteilen, was man selbst ist und möchte. Hierzu braucht es ein bisschen Mut, es ist aber nicht so schwer wie es scheint.

Beschäftigen wir uns erst mal mit Deinen Freunden und Bekannten. Vielleicht hast Du Angst, jemandem von Deinem Schwulsein zu erzählen, weil Du eine ablehnende, negative Reaktion erwartest. Überlege Dir in aller Ruhe, wem Du es als erstes erzählen möchtest. Du kennst doch sicher auch ein paar Leute, von denen Du weißt, dass sie sich eigentlich immer sehr tolerant verhalten. Wenn sie Dir nicht zu nahe stehen und Du deswegen eine mögliche negative Reaktion leichter verkraften könntest, wäre das einen ersten „gefahrlosen“ Versuch wert, ihnen zu erzählen, dass Du schwul bist. Vielleicht ergibt es sich auch einmal in einem normalen Gespräch unter Heteros, dass einer der Teilnehmer positive Äußerungen über Schwule macht oder sich zumindest nicht ablehnend zeigt. Das wäre dann die Gelegenheit, von Dir zu erzählen. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, wie Dein Gegenüber sich verhalten wird. Aber wenn Dein Kumpel oder Bekannter Dich danach ablehnt, dann war das sowieso kein guter Freund. Sei froh, dass Du ihn los bist. Er hätte Dich bei anderer Gelegenheit vermutlich auch im Stich gelassen. Erfahrungsgemäß verläuft es in den meisten Fällen in unserem mitteleuropäischen Kulturkreis aber heute so, dass Freunde und Bekannte eher positiv oder neutral reagieren. Du wirst es jetzt vielleicht kaum glauben, aber bestimmt triffst Du auch auf jemanden, der Dir dann sagt, dass er sich schon immer mal gedacht hat, dass Du schwul sein könntest. TypneutralMarcMularFotolia_11577156_MDas ist gar nicht so selten. Man lacht gemeinsam drüber und große Erleichterung breitet sich aus! Das macht Mut, es noch mehr Leuten zu erzählen und wenn es erst mal einige wissen, dann läuft das Coming Out nach außen hin oft wie von selbst.

Ein besonderes Problem sind häufig die Eltern. Sie stehen Dir sehr nahe und Du möchtest sie nicht enttäuschen oder verlieren. Deswegen erfahren es die Eltern in vielen Fällen erst sehr spät oder als letzte, dass der Sohn schwul ist. Wenn Du es ihnen sagst, dann kann das durchaus auch mal zu heftigen, emotionalen Reaktionen führen. „Das kann doch nicht sein! Was haben wir nur falsch gemacht?“. Oft sind Eltern aber einfach nur uninformiert. Es hilft oft, sie erst einmal in Ruhe zu lassen. Lass Ihnen doch eine Infobroschüre über Schwule da. So etwas bekommst Du in vielen schwulen Vereinen, die es in größeren Städten gibt oder auch übers Internet. Habe Verständnis dafür, dass sich Deine Eltern an diesen neuen Gedanken erst gewöhnen müssen! Sprich mit Ihnen später noch mal in aller Ruhe darüber, wenn sich die erste Aufregung etwas gelegt hat. Die meisten Eltern kommen im Laufe der Zeit gut damit zurecht.

In manchen Fällen gibt es beim Coming Out vor sich selbst und auch vor anderen aber größere Probleme. Die seelische Belastung und auch die Angst kann unter Umständen sehr groß sein. Dann solltest Du Dich bevor Dich unter Umständen sogar Selbsttötungsgedanken plagen nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Du musst Du Dich nicht schämen, denn dafür sind Psychologen schließlich da. Sie werden Dir helfen, die Krise zu überwinden.

Jetzt will ich andere Schwule kennen lernen!

Typlachend7MarcMularFotolia_11577240_MWahrscheinlich hast Du parallel zu Deinem Coming Out auch schon Kontakt mit anderen Schwulen aufgenommen. Wenn nicht, dann wird’s jetzt höchste Zeit! Denn auch das Gespräch und der Kontakt mit anderen Schwulen, können eine riesige Hilfe sein und tun Deiner Seele gut. Außerdem macht es Spaß, mit Seinesgleichen was zu unternehmen! Mit Hilfe des Internets und zahlloser Chatseiten und Informationsforen ist es heute recht einfach, erste Kontakte zu knüpfen. Du solltest aber nicht in der schönen virtuellen Welt des Internets stecken bleiben sondern wirklich baldmöglichst Kontakt zu richtigen, lebenden Menschen aufnehmen! Außerdem gibt es wohl in jeder größeren Stadt einen oder mehrere schwule Vereine, die Freizeitaktivitäten, Sport- und Discoveranstaltungen und vor allem auch Beratung und Hilfe anbieten. Hier kannst Du neue Leute kennen lernen und wer weiß, vielleicht ist ja auch mal der schon lange herbeigesehnte Freund dabei. Viel Glück!

Coming Out geht immer weiter

Die wichtigsten Teile Deines Coming Outs sind damit abgeschlossen. Im Laufe Deines Lebens wirst Du aber feststellen, dass es immer mal wieder Situationen gibt, die ein Coming Out erfordern, und Du einfach jemandem direkt oder indirekt sagen musst, dass Du schwul bist. Das wirst Du dann aber bestimmt gut meistern, denn das erste Coming Out war ja viel schwerer!